Für immer mehr Menschen in Österreich stellt eine Lebensmittelunverträglichkeit eine echte Belastung im Alltag dar. Von der Diagnose bis hin zur richtigen Therapie vergeht oft viel Zeit.
Dr. Rainer Schöfl, Vorstand der IV. Internen Abteilung, KH der Elisabethinen in Linz  sowie Vizepräsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Lebensmittelunverträglichkeiten und steht uns heute für ein Experten-Interview hier am Blog für Fragen zur Verfügung.

Resch&Frisch: Herr Dr. Schöfl, was ist der Unterschied zwischen einer Nahrungsmittelallergie und einer Nahrungsmittelintoleranz?

Prim. Univ. Prof. Dr. Rainer Schöfl

Prim. Univ. Prof. Dr. Rainer Schöfl

Dr. Schöfl: Wichtig ist die grundlegende Unterscheidung zwischen einer Nahrungsmittel-allergie und einer Nahrungsmittelunverträglichkeit (Intoleranz) bewusst zu machen: Bei einer Intoleranz kann der Darm etwas nicht verdauen und aufnehmen, das dann Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall verursacht. Das ist unangenehm, aber vollkommen harmlos. Bei einer Allergie reagiert das Immunsystem auf Eiweißkörper in speziellen Lebensmitteln (Meeresfrüchte, Ei, Soja, Milch, Nüsse etc.) mit Durchfall, Hautauschlag, Asthma oder sogar Schock. Für Betroffene einer Unverträglichkeit ist je nach Empfindlichkeit ein „lockerer“ Umgang möglich und wird sogar empfohlen, damit die eigene Toleranzschwelle herausgefunden wird. Denn überängstliches Vermeiden von Lebensmitteln kann auch zu einer Essstörung führen. Allergiker dagegen sollen den Auslöser gänzlich meiden.

Resch&Frisch: Wie werden diese Unterschiede festgestellt?

Dr. Schöfl: Eine Unverträglichkeit ist keine Krankheit. Meist ist der Mangel an bestimmten Enzymen der Auslöser. Früher wurde bei Verdacht‚ dass man etwas nicht verträgt, vom Arzt geraten, dieses Lebensmittel einfach für eine Zeit wegzulassen und die Symptome zu beobachten, heute macht man in der Regel einen H2-Atemtest. Bei einer Laktoseunverträglichkeit kann auch ein Gen-Test in Betracht gezogen werden. Bei einer echten Allergie hingegen reagiert das Immunsystem übermäßig auf eine an sich harmlose Substanz und produziert Antikörper, die auch im Blut nachweisbar sein können. Die Diagnostik erfolgt meist in Kombination mit einem Provokationstest der Haut (Prick-Test), gefolgt von speziellen Bluttests (RASTs). Nur ein bis zwei Prozent der Erwachsenen leiden unter Nahrungsmittelallergien. Im Gegensatz zur Nahrungsmittelunverträglichkeit ist bei allergischen Beschwerden wichtig, auf die betroffenen Lebensmittel, wie zum Beispiel Nüsse, Eier, Kuhmilch oder Soja, völlig zu verzichten.

Resch&Frisch: Welche Probleme können auftreten?

Dr. Schöfl: Schätzungen zufolge kann man davon ausgehen, dass Blähungen, Verstopfung, Reizdarm usw. für rund 10-20 Prozent der Erwachsenen ein so gravierendes Problem darstellen, dass die Lebensqualität deutlich eingeschränkt ist. Rund 70 Prozent der Patientinnen und Patienten in Ordinationen mit gastroenterologischem Schwerpunkt leiden an Reizmagen oder Reizdarm. Bei allen Formen funktioneller gastrointestinaler Störungen sind auch Begleitsymptome möglich. Diese reichen von Migräne, Kopf- und Rückenschmerzen über Abgeschlagenheit und Schlafstörungen bis zu gynäkologischen Unterleibsschmerzen. Auch psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder somatoforme Störungen (körperliche Beschwerden, ohne organische Erkrankung) werden beobachtet.

Resch&Frisch: Was empfehlen Sie Ihren Patienten?

Dr. Schöfl: Mit Standardempfehlungen kommt man nicht weit. Die Komplexität der Problematik verlangt eine ausführliche Erhebung des Ist-Status und darauf basierend die Ausarbeitung individueller Empfehlungen. Wenn es um Unverträglichkeiten geht, die ja dosisabhängig sind, so spielt dabei die Menge der zugeführten Nahrungsmittel eine entscheidende Rolle. Die Betreuung und Behandlung der PatientInnen mit chronischen Darmbeschwerden braucht Zeit, Vertrauen und Geduld. Medizin und Diätologie arbeiten hier eng zusammen.

Wie ist Ihre Erfahrung mit der Therapie Ihrer Unverträglichkeit oder Allergie?

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